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Mar 11, 2009

Steelpan, Steelband und Kultur


Das Steelpan wird gemeinhin als „das einzige neue akustische Musikinstrument“ des 20. Jahrhunderts umschrieben. Eine Standortbestimmung nach fast siebzig Jahren Pan-Geschichte.

Das Steelpan ist untrennbar mit der Kultur und Lebensweise des trinidadischen Volkes verbunden. Es ist - eingebettet in seine Heimat - als Ritualinstrument zu betrachten. Das Bedürfnis des Volkes nach gemeinsamem Tanz, Zelebrierung der Befreiung von seinen Kolonialherren, des „Bacchanal“, alle diese Aspekte spiegeln sich im Pan, mittlerweile das „nationale Musikinstrument“ der Republik am südlichsten Zipfel der Karibik.

Stolz bemerken Trinidader, dass das Pan ihr Geschenk an die Welt ist. Da bleibt die Frage: Will die Welt dieses Geschenk und vor allem, was macht die Welt daraus?

Wir können beobachten, dass Steelbands vor allem dort Fuss gefasst haben, wo eine karibische Diaspora entstand, in den Ballungszentren Nordamerikas, sowie in Grossbritannien. Es sind dies Orte, wo eine ganze Art „importiert“ wurde. Essen, Lebensweise, Karneval und Musik, also Kultur eines Volkes.

Auf diesen karibischen Inseln inmitten der westlichen Welt hat sich das Steelpan einen Raum geschaffen und ist klanglich und konzeptionell das gleiche Ritualinstrument geblieben wie zuhause in „sweet old Trinidad“. Es fällt jedoch auf, dass Steelbands ausserhalb der Karnevalszeit auch - und sogar - auf Trinidad um ihre Daseinsberechtigung kämpfen müssen. Es ist, als ob Pan in der Karnevalszeit zum Leben erwacht und mit Eintreffen des Aschermittwochs augenblicklich in Vergessenheit gerät. Bis zum nächsten Jahr, da beginnt die Geschichte wieder von neuem.

Wie sieht der „Import“ jedoch in anderen Teilen dieser Welt aus? Dort, wo es keinen Karneval gibt, keine Kultur des „Bacchanal“?

Es muss erwähnt werden dass es sich beim Steelpan um individuelle Einzelanfertigungen handelt, welche grösstenteils in Handarbeit hergestellt werden. Massenproduktion ist Aufgrund der Komplexität der Bauweise und der Klangentwicklung kaum möglich. Wäre dies nicht so, hätte die Industrie schon lange Billiginstrumente auf den Markt geworfen, wie dies bei Streichern, Gitarren usw. der Fall ist.

In Bezug auf die oben gestellte Frage ist dies jedoch nicht der springende Punkt.

Der Punkt ist: Was fängt man mit dem Steelpan an ohne Karneval, ohne starkes Kollektiv, ohne Panorama, dem alljährlich in der Karnevalszeit stattfindenden Kräftemessen der Steelbands, dieser öffentlichen Ekstase?

Ohne Kultur und deren Identität bleibt doch kaum was übrig.

Es gibt da den Ansatz der musikalischen Ausbildung: Nach heutigem Wissensstand ist das Sopranopan das einzige Instrument, welches den Quintenzirkel aus der Musiktheorie originalgetreu abbildet, d.h. die Anordnung der zwölf chromatischen Töne entspricht präzise dem Konzept des Quintenzirkels.

Dem Gesetz der Logik folgend hätten Musiker, Schulen und Konservatorien dieses „Werkzeug“ jubelnd aufnehmen müssen. Nichts dergleichen geschah.

Was blieb, war die zweifelhafte Faszination eines Musikinstrumentes welches ohne grossen Aufwand erlernbar sein soll, ohne formelle Ausbildung augenblicklich gespielt und eingesetzt werden kann, ein Musikinstrument für Nichtmusiker also…

Darum bleibt noch der Weg einer Neu- oder Wiederentdeckung des Steelpans im Sinne eines „Herausreissens“ aus dessen ursprünglicher Kultur und Einbettung in die jeweilig heimischen Gepflogenheiten. Dass dieser Weg jedoch nicht oder kaum beschritten wird hat Gründe:

Dort wo das Steelpan nicht mitsamt Kultur und Umfeld einfach verpflanzt wurde, fand eine Verklärung, eine missverständliche Auffassung des geschichtlichen Hintergrundes statt.

So ist zum Beispiel in Europa das Steelpan ein Symbol für „Sonne, Strand und Ferien“ geworden. Spielt an einer Strassenecke eine Steelband, kommen unweigerlich Erinnerungen an die letzte Kreuzfahrt auf. Um noch einen Schritt weiterzugehen: Besteht die Steelband nicht aus karibischen Mitgliedern, ist sie in den Augen des Betrachters kaum authentisch.

Falls es in Zukunft nicht gelingt, dieses Missverständnis durch die Beschreitung eines eigenen, individuellen Weges zu korrigieren, wird das Steelpan und die Steelband als solches keine weitere Verbreitung finden und das bleiben was es bisher war, „ein grosser Klang eines kleinen Volkes“, gefangen in der Geschichte der Rebellion und des Kampfes, gefangen im Bemühen um Akzeptanz.

Es besteht jedoch nach wie vor die Möglichkeit, das Steelpan losgelöst von seiner Geschichte und Kultur neu zu entdecken.

Dies bedingt aber eine jungfräulich unschuldige Annäherung, welche nur mit jungen Menschen möglich zu sein scheint und mit Lehrern, welche bereit sind mit ihren Schülern neue Wege zu beschreiten, gilt es doch eine persönliche, der heimischen Kultur verbundenen Ausdruckweise dieser "Kunstform Pan" zu entwickeln.

(Ende der Geschichte)

Abschliessende Bemerkungen des Verfassers:

Ich habe diese Gedanken in Anlehnung an ein Editorial des Musikethnologen Gerold Lothmar geschrieben, welches in der letzten Ausgabe der Schweizer Zeitschrift PANYARD (1994) veröffentlicht wurde.

Ich liebe Trinidad und ich habe einen unheimlich grossen Respekt vor der riesigen kreativen Energie dieses Volkes, eine Kreativität welche sich am Beispiel des Steelpans und in vielen anderen Dingen ausdrückt.

Für mich bedeutet PAN frei zu sein. Frei von Zwängen, frei von Vorurteilen und Einschränkungen.

In diesem Sinne hoffe ich dazu beizutragen, das Steelpan aus seinen aktuellen Einengungen zu befreien.

Bern, im März 2009
© Werner Egger, CosmoPan