Swiss News

Jan 17, 2017

«Ich brauchte jahrelang Erfahrung, bis ich das Handwerk richtig konnte»


Der 60-jährige Worber Esa Tervala baut und wartet Instrumente für Steelbands – weniger als auch schon, doch seine Liebe zur Musik ist ungebrochen.



Ohne Musik könnte Esa Tervala nicht leben. Wenn der jungenhaft wirkende Worber, dem man die 60 Lenze nie geben würde, zur Fender-Elektrogitarre greift, verbiegt sich unwillkürlich sein ganzer Körper. Eigentlich will der Musiker nur die Funktionsfähigkeit eines alten Röhrenverstärkers demonstrieren, ein deutsches Fabrikat. Diese Geräte hätten etwas, was digitalen abgehe, sagt Tervala, der analoge «Vintage»-Fabrikate wieder zum Laufen bringt. Dann schaltet er eine Echolette ein, für Digi-Natives ein absurd altmodisches Gerät. Ein Endlostonband gleitet an mehreren Tonköpfen vorbei, wobei es den Gitarrenklang aufnimmt und mehrfach in abnehmender Lautstärke wiedergibt – wie ein Echo eben. Dafür gibt es heute digitale Kästchen, aber eben: «Es ist nicht das Gleiche.»

Wir sind im Worber Industriegebiet auf dem Gelände der alten Verzinkerei. Hier haben sich Gewerbler eingemietet, unter anderem Esa Tervala. Hier baut und wartet der gebürtige Finne auch Steelpans, Ölfässer, mit denen Steelbands karibische Fröhlichkeit verströmen. Bis es so weit ist, braucht es Schwerarbeit, denn ein normales Fass würde nur ein dumpfes «Dumm-Dumm» von sich geben. Tervala erklärt, wie aus einem Fass – heutzutage sind es fabrikneue und keine Recyclingtonnen mehr – ein Instrument wird. Die Böden werden mit einem Hammer bearbeitet, bis sie durchhängen. Dann werden darauf die Zonen für die Töne angezeichnet – aufgebaut nach dem Quintenzirkel. Mit dosierten Hammerschlägen wird eine Wölbung erzeugt: Wenn man mit den gepolsterten Sticks darauf schlägt, gibt jede Zone den richtigen Ton von sich.

Es ist ein empfindliches Instrument, weshalb es immer wieder gestimmt werden muss wie ein Klavier oder eine Pfeifenorgel. «Steelbands spielen meist am Schatten», sagt Tervale, «sonst wird die Metallfläche zu heiss.» Auch das Stimmen gehört zu seiner Arbeit. Leider vernachlässigten manche Kunden den Unterhalt, und irgendwann sei ein Steelpan so verstimmt, dass man es kaum noch hinkriege. Überhaupt, sagt der Junggeselle, während er in der kleinen Werkstattküche einen Filterkaffee eingiesst, überhaupt gebe es heute weniger Steelbands. Das mag damit zusammenhängen, dass der einstige Reiz des exotischen Karibik-Instruments verflogen ist. Oder damit, dass das scheinbar einfach zu spielende Instrument – darin der Blockflöte vergleichbar – schwierig zu spielen ist, wenn man es richtigmacht. Tervala greift zu zwei Sticks und gibt auf einer «pyramid pan» mit fünf «Pfannen» eine Kostprobe, wie orchestral schön die Musik klingen kann, mit mitschwingenden Obertönen und Quinten.

«Ich merke schon, dass ich nicht mehr der Jüngste bin», sagt Tervala. Nach der Schwerarbeit des Hämmerns spüre er Handgelenke, Schultern und Rücken. Er sei Perfektionist, der genau arbeite und nicht mit dem erstbesten Resultat zufrieden sei. «Ich brauchte zehn Jahre, bis ich das Handwerk richtig konnte», inzwischen habe er 32 Jahre Erfahrung auf diesem speziellen Beruf. Es gebe auch billigere Produkte von nachlässigerer Verarbeitung. Manche Kunden bemerkten den Unterschied nicht, das finde er schade. Eine industrielle Methode, solche Instrumente mit weniger teurer Handarbeit, aber genau so gut zu bauen, gebe es (noch) nicht.

Wie kam der ehemalige finnische Berufsmusiker auf das Instrument aus Trinidad und Tobago (siehe Box)? «Reiner Zufall.» Auf einer Tournee ging die Band in Stockholm am Feierabend in einen Club, in dem ein Konzert mit Steeldrums angesagt war. «Ich wusste nicht, was das war.» Wegen des Wortes drum erwartete er Trommeln. Als diese klingelnde Musik nie aufhören wollte, fragte er die Kollegen: «Wann fangen endlich die Drums an zu spielen?» Sie lachten ihn nur aus. Tervala hatte sein Aha-Erlebnis, sein Interesse war geweckt. Doch woher sollte er Informationen bekommen, das Internet gab es noch nicht. Ein Glück, dass es im Ort im finnischen Nordkarelien, wo Tervala damals wohnte, in der Bibliothek ein schon etwas angejahrtes Buch gab, gewissermassen das Standardwerk zum Thema: Pete Seeger: «Steel Drums – How to Play Them and Make Them» (1964).

Das wurde zu einem Lebensmotto für Tervala, der seit 1995 in Worb arbeitet, eher zufällig, weil es dort einen geeigneten Gewerberaum gab. Zuerst hatte er Mühe, die Leute zu verstehen, die zwar Deutsch sprachen, aber Mundart. Und sie hatten Mühe, weil Finnen als wortkarg gelten und oft ohne das Zauberwort «bitte» direkt zur Sache kommen. Zwar gebe es im Finnischen den Begriff «ole hyvä», sagt Tervala. Das entspreche dem «sid so guet», töne aber im Finnischen gestelzt und werde daher meist ironisch gebraucht. Längst hat Tervala Dialekt gelernt und sich an die Gepflogenheiten angepasst. Doch eine finnische Attitüde ist geblieben: «Smalltalk ist nicht so unser Ding.»Esa Tervala?


Source: Der Bund